Schwangerschaft und Partnerschaft

Die Schwangerschaft einer Frau ist eines der größten Mysterien dieser Welt. Quasi aus dem Nichts entsteht ein neuer Mensch. Und es ist seltsam: Obwohl die Schwangerschaft das direkte Resultat der Sexualität ist, scheint für viele Paare Sexualität während der Schwangerschaft ein Tabu-Thema zu sein, bzw. – es ist nicht selten recht problematisch.
Warum ist das so?

 
Nun, zum einen ist es so, dass Frauen während der Schwangerschaft viel, viel empfindsamer, aber auch empfindlicher werden, als in den anderen Lebensphasen. Das bedeutet, dass all das, was ansonsten im Alltag ausgeblendet wird, sich während dieser besonderen Monate so deutlich zeigt, bzw. so deutlich empfunden wird, dass es nicht weiter ignoriert werden kann. Die Toleranzgrenze der Frau sinkt… gewaltig.
Die Zeit der Schwangerschaft ist für die Sexualität – aber auch für die Partnerschaft im Allgemeinen oft eine arge Zerreißprobe. Das muss aber gar nicht so sein. Das Schwanger-Sein der Frau ist ja eigentlich eine sehr gute Möglichkeit für Weiterentwicklung. Eine Chance auf Reifung – sowohl der Partnerschaft, als auch des Mannes und der Frau für sich.

Menschen haben die Eigenschaft über die Zeit – naja sagen wir mal: Träge zu werden. Gewisse Gewohnheiten spielen sich ein und das ist auch sehr bequem. Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen aber dann nach einiger Zeit. Wenn Du Dir langjährige Beziehungen ansiehst, so wird Dir das nicht selten begegnen: Die Partner gleichen sich immer mehr aneinander an, werden sich immer ähnlicher – fast wie Geschwister. Die Sexualität verschwindet dabei immer mehr, spielt oft kaum mehr eine Rolle. Anstatt das anzunehmen und die Partnerschaft in eine Freundschaft transformieren zu lassen, heißt es dann oft: Naja, das ist halt so – im Alter, nach all den Jahren usw.
Ich sehe das nicht so. Ich nehme es eher so wahr, dass die Lebendigkeit und damit auch die sexuelle Lust bis ins hohe Alter erhalten bleiben kann. Vielleicht nicht unbedingt nur mit dem einen Partner – aber auch das ist möglich. Doch dafür gilt es offen und ehrlich mit sich selbst zu sein UND mit dem Partner.
Die eigenen Bedürfnisse überhaupt erst mal wahrzunehmen – sich trauen sie wahrzunehmen. Und dann dafür einzustehen: Sie mitzuteilen und ihnen Raum zu geben im Leben.
Bei der Sexualität zwischen zwei werdenden Eltern ist das eben nicht anders. Vieles zeigt sich besonders deutlich in der Sexualität: Vielleicht hat sich zwischen den beiden Partnern eine Form der sexuellen Begegnung eingespielt, die nicht wirklich die weiblichen Bedürfnisse erfüllt. Mal überspitzt formuliert: Ein wenig Küssen, ein wenig fummeln und dann schnell mal rein und wieder raus – Nun für einen Mann kann das – zumindest zur rein körperlichen – Befriedigung ausreichend sein. Und ein Quicky ist sicherlich auch dann und wann einmal für Frauen nett und prickelnd. Doch gerade schwangere Frauen brauchen mehr Raum und Zeit um ihre Lust zu entfalten. Raum, Zeit und Einfühlung sind sowieso die Grundpfeiler für wahrhaft erfüllende Sinnlichkeit, oder nicht?
Nun, und das ist ja schon auch nicht leicht – ganz plötzlich, ja fast von einem Tag auf den anderen, wird das, was vorher ausgereicht hat, komplett hinterfragt. Ja sogar mehr als das: Ist es auf einmal vielleicht gar nicht mehr möglich. Und wenn es der schwangeren Frau dann auch noch schwer fällt ihre neuen Bedürfnisse zu formulieren, oder der Mann nicht richtig hinhört – dann wird halt „notgedrungen“ die innere Türe zur Lust verschlossen. Nicht bewusst. Es passiert einfach.
Umgekehrt gibt es aber auch eine Herausforderung beim Mann. Wenn die Schwangerschaft für die meisten Frauen schon echt etwas Geheimnisvolles ist, geht das bei vielen Männern noch viel weiter: Es ist ein Buch mit sieben Siegeln, ein unglaubliches Mysterium. Und es ist auch nicht leicht sich dem als Mann anzunähern. Das heranwachsende Kind ist im Bauch der Frau – das fühlt sich erst einmal ganz weit weg an – es könnte genauso gut auf der Venus sein. Die Mutter ist direkt verbunden mit dem Kind, der Vater nicht – als ob da ein Schild am Bauch kleben würde: „Männer müssen draußen bleiben.“ Welch eine Ungewissheit. Und wie Menschen nun mal so sind. Sie reagieren auf Ungewissheit mit Verschlossenheit und Rückzug. Hm – und dadurch wird es dann auch nicht besser. Auch das muss nicht so sein. Denn die Schwangerschaft ist auch hier eine Möglichkeit für Weiterentwicklung auf den verschiedenen Ebenen. Wenn es dem Mann gelingt sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, seine Unsicherheit zu spüren und sie zu zeigen. Die Rolle des „immer Starken“ mal aufgeben kann. Wow – was für eine Chance. Und auf einmal entsteht dann auch – fast wie ein Bonus – eine Verbindung zwischen dem Vater und dem Kind
Als mein Sohn noch nicht geboren war, ja da war meine größte Herausforderung zuerst einmal anzunehmen, dass das Ganze Ding irgendwie Frauensache ist und mein Job darin besteht für Mutter und Kind da zu sein. Meine eigenen Bedürfnisse denen der Mutter und des Kindes gleichzuschalten – nicht unterzuordnen, ich spreche nicht von aufopfern. Ich spreche davon zu erkennen, wie wunderschön es ist, einfach mal zu dienen, für jemanden ganz da zu sein und zu erleben, wie diese Art des Dienens allen Beteiligten dient – auch mir. Sowohl in der Sexualität, als auch im Leben.
Sarah und ich hatten übrigens bis 2 Stunden vor den Wehen eine zutiefst erfüllende Sexualität miteinander. Heute haben wir keinen Sex mehr – aus unserer Partnerschaft hat sich über die Jahre eine tiefe Freundschaft entwickelt – wir sind nun Eltern und Kumpanen und auch das ist – wie alles im Leben – auch genau richtig so. Letztlich ist es doch immer wieder die Wahl: Will ich es bequem, oder lebendig?
Ich wünsche Dir oder euch eine gute Zeit – ganz besonders, falls da grade ein Kind in die Welt kommen mag.

Alles Liebe,
Dirk Liesenfeld.

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