Toleranz – was ist wahrhaftige Toleranz?

Die aktuelle Flüchtlingsproblematik in Deutschland hat damit natürlich auch zu tun, aber daran alleine kann man das Thema Toleranz nicht wirklich verstehen und lösen. Denn wenn man versucht vom Speziellen zum Allgemeinen zu gelangen, so gelingt das meist nicht, weil der Verstand sich allzu gerne im Speziellen verheddert.

So ist nun mal der menschliche Geist. Er bezieht gerne Positionen. Und das wäre auch gar nicht mal das Problem – vorausgesetzt ich wäre alleine auf der Welt. Dann wäre ich der alleinige Adam und könnte den Platz unter meiner Palme so gestalten, wie ich wollte. Käme aber Eva dazu, dann würden die Probleme vermutlich beginnen. Entweder sie würde mich mit ihrer Unordnung nerven und ich sie mit meinem Ordnungswahn – oder umgekehrt.
Ich kann mir das lebhaft vorstellen: „Wie kannst Du nur so leben, in diesem Saustall? Räume doch mal die Palmenblätter weg. Und überhaupt finde ich es eklig, wenn Du immer drüben an den Avocadobaum pinkelst…“

Naja. Und jetzt sind wir hier auf der Welt ja nicht nur ein paar, sondern ein paar Milliarden Menschen. Und jeder Mensch hat seine eigenen Meinungen. Und Menschen mit ähnlichen Meinungen tendieren dazu, sich zusammen zu rotten und gegen die Menschen zu sein, die eine andere Meinung haben. Das geht zu jedem Thema. Sogar sogenannte spirituelle Menschen tun das mit Vorliebe.
Da gibt es richtige Glaubenskriege: Selbsternannte Erleuchtete bashen sich dann untereinander, wer denn der Spirituellere ist. Das passiert dann natürlich alles ganz spirituell korrekt – man sagt dann: „Ich wünsche Dir, dass Du ganz eintauchen kannst in das totale Bewusstsein und hoffe, dass es Dir gelingt Dein übergroßes Ego letztendlich zu überwinden.“ Heißt im Klartext nichts anderes als: „Du blöder Scharlatan, ich bin erleuchtet und DU bist es nicht… UND wirst es auch nie sein.“
Mit Toleranz hat das dann nur noch wenig zu tun. Mit so genannter „Erleuchtung“ genauso wenig.

(Dieses Video gibt es übrigens auch auf Englisch)

Aber zurück zu der Flüchtlingsproblematik. Wenn ich versuche an diesem konkreten Thema Toleranz zu üben, werde ich scheitern. Denn gerade bei gesellschaftlichen Themen ist es auch sehr häufig durch die Gesellschaft definiert, was denn tolerant und was intolerant zu sein hat.
Was ist denn die gesellschaftlich anerkannte Form der Toleranz in diesem Fall?

Nun – man muss es ganz toll finden, dass z.B. die Syrer jetzt alle hier sind, weil sie doch alle Kriegsopfer sind. Jetzt gibt es aber auch andere Menschen, die einheitlich der Meinung sind, dass es richtig scheiße ist, dass die da sind, weil sie uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen und unsere Frauen vergewaltigen.

Was ist in dem Fall echte Toleranz? Denn was ist mit denen, die anderer Meinung sind, als die Masse? Kann ich auch denen gegenüber tolerant sein? Toleranz, die auf einer Meinung beruht ist eigentlich nur getarnte Intoleranz – ein Wolf im Schafspelz! Es ist Kopftoleranz, die noch nie zur Liebe und zum Miteinander unter ALLEN Menschen geführt hat, denn irgendjemand wird immer auf der Strecke bleiben, es wird letztlich zur Trennung und zur Gewalt führen.

Es ist viel zu einfach zu sagen: Die Nazis sind alles Dummbratzen. Oder die Gutmenschen machen Deutschland kaputt. Solche Sichtweisen und Aussagen führen nicht zur Liebe. Sie führen zum Hass.

Aber was führt zur Liebe?
Nun – eine Toleranz, die aus dem Herzen kommt. Und das ist – wenn man sich die Zeit dafür gibt – ein ganz stilles, sanftes Gefühl. Es erwächst aus dem Stillhalten und Lauschen. Es zeigt sich, wenn man das Lärmen und die Meinungen und die Ängste des Verstandes mal ungehört und ohne Reaktion verklingen lässt.

Wenn ich also erkenne, dass hinter jeder „Meinung“ eigentlich eine Angst und ein Mangel steckt, komme ich schonmal einen Schritt weiter. Also am Beispiel der Syrer: ich kann mich da ganz einfach in praktisch jede Meinung hineinstellen.

Am leichtesten fällt mir der Standpunkt, dass man diesen Menschen helfen muss. Viele von ihnen haben schreckliches erlebt und brauchen Schutz. In dieser Perspektive sehe ich auch, dass es Deutschland – wenn man mal auf dieser Ebene denken möchte – durchaus auch nutzen könnte. Die deutsche Demographie ist hoffnungslos überaltert. Wir werden in absehbarer Zeit fast doppelt so viele alte wie junge Menschen haben. Damit der Generationenvertrag funktionieren kann, müsste es aber eigentlich eher umgekehrt sein. Wir können also einen Schwung junger Menschen gut vertragen – und die meisten Flüchtlinge SIND jung. Aus dieser Meinung spricht also zum Beispiel meine Angst vor Armut im Alter.

Ich kann mich aber auch in den Standpunkt stellen, dass es ein Unding ist, Deutschland so von Menschen einer anderen Kultur überrennen zu lassen. Der Ärger ist vorprogrammiert. Ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge sind kriegstraumatisiert und gewaltbereit. Und es gibt auch nicht wenige, die aus wirtschaftlichen Interessen nach Deutschland kamen. Faulenzer!!! – urteile ich dann. Und diese Schmarotzer hängen sich dann an die Zitze des deutschen Sozialsystemes, welches eh schon arg strapaziert ist. Auch aus dieser Meinung sprechen die verschiedensten Ängste.

Am schwierigsten fällt mir der Standpunkt der Religiosität- so die Angst vor dem Islam an sich. Aber auch da kann ich mich hineinbegeben, wenn ich so manches sehe, was Extremisten der IS so veranstalten. Mir wird aber auch ganz flau im Magen, wenn ich sehe, was Extremisten anderer Religionen „im Namen Gottes“ machen.

So – und jetzt stehe ich da, mit meinem Verständnis für alle Positionen. Und wo marschiere ich denn jetzt mit? Bei der Nazi-Demo oder bei der Gegen-Demo der Linken?

Nun – man könnte aber auch einfach für SICH stehen und für alle Perspektiven einstehen. Doch dann wäre man sehr angreifbar von allen Meinungsgruppen. UND, man hätte keine Gruppe hinter sich stehen, die einen schützt.

Und dafür braucht es schon ganz schön Mut, denn man verlässt dabei auf einmal die ausgetretenen Meinungspfade der Gesellschaft. Man ist auf einmal nicht mehr Sozial, Rechts, Links, Spirituell oder was auch immer. Man ist dann auf einmal nur noch ein Mensch.

Was kann ich nun also tun, wenn ich wahrhaftige Toleranz in mir entwickeln möchte? Nun, weil wahre Toleranz ja aus dem Herzen entspringt, kann ich sie nicht üben in Situationen, die mich nicht konkret betreffen, es ist vielmehr notwendig, dass ich da anfange, wo ICH persönlich und unmittelbar betroffen bin. Also an dem Ort, an dem man gerade ist – im täglichen Leben, in der Familie, mit Freunden, beim einkaufen oder beim Auto fahren. Das heißt natürlich nicht, dass man alles mit sich machen lässt, denn auch man selbst ist ja Teil des ganzen Netzwerkes. Es geht vor allem darum, dass man die Ängste hinter den eigenen Meinungen aufdeckt und ihnen stillhalten kann, bis sie wieder ruhiger werden und man die Welt dann wieder unverfälscht wahrnehmen kann.

Wenn man dies mehr und mehr zu einer Angewohnheit werden lässt, wird man feststellen, dass die eigene Liebesfähigkeit immer größer wird und dass auch die anderen Menschen zu einem selbst immer wohlwollender werden und sich dadurch auch die Ängstlichkeit und die festgefahrenen Meinungen mehr und mehr abmildern. Das ganze Leben wird nach und nach wohlwollender und man verliert die Tendenz die Welt in Gruppen einteilen und abgrenzen zu wollen.

Denn ein jeder Mensch sehnt sich tief im Herzen doch nur danach zu lieben und geliebt zu werden. Und damit kann man eben am besten da anfangen, wo man wohnt, lebt, arbeitet oder anderweitig wirkt und das öffnet dann auch das Herz für Menschen und Situationen, die weiter weg sind.

Da beginnt auch eigentlich erst wirklich die Freiheit. Und eben auch die tiefe Verbundenheit mit den anderen Menschen.

Der Weg dahin ist verdammt unbequem, aber wenn man diese Art der Freiheit und Toleranz mal erlebt hat, bleiben auch keine Fragen mehr übrig. Es ist klar, was zu tun ist und was nicht – man findet dann ganz leicht eine Waage zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der Anderen und das Leben wird immer friedvoller und harmonischer.

Das Resultat ist dann ein sehr schönes und leichtes, der Weg dahin manchmal aber gar nicht so einfach.


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