Archiv für Juli, 2010

Des Lebens Wege

Da steht sie. Sie ist so wunderschön anzusehen.
Ihr Duft betörend bei jedem Atemzug,
der Glanz ihrer Farbe durch die Sonne ein wenig verblasst,
steht sie zufällig in ihrer ganzen Pracht am Ufer eines Bachs.
Ohne ein genaues Ziel vor Augen,
hat das Leben sie wörtlich hierher gespült.

Ein Samen, ein Windhauch und ein paar Regentropfen pur,
ließ sie hier wachsen, inmitten der unberührten Natur.
Harmonie erklingt in ihrem eigenen inneren Raum –
lieblich und fein, makellos und rein.

Sie liebt es, im Einklang mit sich selbst und der Welt zu sein.
Kann sie diesen Einklang auch wahrlich für sich (er)halten?

Was hat sie bisher alles hier an diesem Bach erlebt?
Sie blieb bei Sturm, Hagel, Regen, Schnee und Sonnenschein –
aus eigener Kraft, fest verankert auf der Erde in ihrem eigenen Sein.
Weder das benachbarte Gras, der Regenwurm,
noch das Insekt können das sehen,
denn sie leben hier auf dieser Welt ihr eigenes Leben
und können das Dasein nur auf ihrer eigenen Art und Weise „verstehen“.

Ein Wanderer kommt am Wegesrand daher,
bricht gedankenlos ein Stück von ihr ab,
um es für sich selbst in Anspruch zu nehmen.
Er weiß es nicht besser, er lebt eben sein eigenes Leben.

Sie liebt ihr Leben, sie liebt das Singen der Vögel,
das Summen der Bienen, der Hummeln,
den zarten Flügelschlag der bunten Schmetterlinge,
die so sanft über ihr Haupt schweben.
Sie verschenkt sehr gern ein Teil von sich an andere,
um sich selbst immer wieder auf´s Neue zu erleben.

Jetzt steht sie zerbrochen am Bach,
ein Teil von ihr liegt nun am Boden,
ihr Duft vom Wanderer eingesogen,
derselbe nun freudig und verspielt seines Weges geht.
Als letzten Gruß zum Abschied winkt sie trotz alledem
dem Wanderer entgegen und
entlässt einen Teil aus ihrem Leben in den Bach.

Ein Samen, ein Windhauch und ein paar Regentropfen pur,
bleiben zurück inmitten der unberührten Natur.
Harmonie erklingt bald wieder in einem neuen inneren Raum –
lieblich und fein, makellos und rein.

Neues Leben entsteht.
Ein Samen genügt.
Das Leben findet immer wieder seinen eigenen Weg.

Alles Liebe.
Carmen

 

Drei Minuten

Dirk

Drei besondere Minuten mit meinem Sohn
Den nachfolgenden Text gibt´s auch gesprochen,
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Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, wenn ich meinen Sohn abends ins Bett bringe, nochmal einige Minuten länger mit ihm zu kuscheln, als ich es eigentlich täte. Das heißt, wenn ich normalerweise aufstünde und mich leise aus dem Zimmer schleichen würde, bleibe ich noch etwas länger bei ihm liegen und mache mir bewusst, was ich für ihn empfinde und wie sehr ich ihn liebe.
Dieses “Ritual” ist daraus entstanden, dass ich mir bewusst bin, dass jeder Tag mit ihm der letzte sein könnte und damit jeder Moment etwas besonderes ist.
Mir ist das schon oft begegnet in der Arbeit mit Menschen: Da stirbt ein liebgewonnenes Wesen überraschend, und dem zurück bleibenden Partner, Vater, Mutter, Kind wird plötzlich klar, dass da noch was offen ist. Etwas nicht gesagt, gefühlt, geteilt wurde – nicht aus böser Absicht, sondern meist aus einer Unbewusstheit (dem Tode gegenüber) heraus. In solch einer Situation würde der Trauernde alles opfern um nur noch einmal einige Minuten mit dem verstorbenen Menschen verbringen zu können – doch das ist dann nicht mehr möglich. Darum hänge ich an meine “normale” Zeit eben nochmal die “paar Minuten” dran, für die ich gar nichts “opfern” muss, ausser ein paar Minuten und meine Aufmerksamkeit.

Dieses “Ritual” kann man übrigens für sein ganzes Leben anwenden:
In der Natur, beim Essen, beim einkuscheln im Bett, am letzten Urlaubstag, beim hüpfen und tanzen, beim sehen und hören, beim fühlen und schmecken. Mensch zu sein ist ein Geschenk, dass entdeckt werden will.

Diese “paar Minuten” haben übrigens die wundervolle Eigenschaft sich nach und nach zu vermehren und zu ein paar Stunden zu werden und schließlich zu einem Dauerzustand: Ich fühle meine Liebe (nicht nur zu meinem Sohn, sondern zu allem in meinem Leben) nahezu durchgängig – doch das Ritual der paar Minuten hinten dran, habe ich für ganz besondere Momente beibehalten.

Alles Liebe,
Dirk.