Archiv für Januar, 2009

Sterne

Für jeden Menschen, der einen Schmerz überwindet – also nicht daraus handelt, sondern ihn ruhig durchdringen kann – wird ein neuer Stern im Universum geboren.

 

Weltschmerz

Sarah

Unser Sohn Noah ist seit ca. 1 Woche vom Weltschmerz gepackt. Und ich bin seit 1 Woche gefordert , damit umzugehen. Neben dem Mitgefühl, das ich mit ihm habe, gibt es in mir auch ein neugieriges Beobachten. Ich erlebe mit, wie das entstehen kann, was Dirk und Ich als die ” Kellerkinder” der Gefühlswelt bezeichnen. Das sind Gefühle, die für uns als Kind nicht tragbar, also im wahren Sinne des Wortes, unerträglich sind. Oder es sind Gefühle, die wir nicht einordnen können in unsere bisherige Erfahrungswelt. Wir trennen sie daher von uns ab, erklären sie als nicht zugehörig zu uns. Ich hatte z. B. ein großes Holztor, hinter die ich all diese Gefühle verbannt habe.
Als Erwachsener bauen wir dann unser ganzes Leben so auf, daß diese abgekapselten Gefühle nicht berührt werden, da es ansonsten schmerzt und zwar unerträglich. Uns ist nicht klar, daß diese Unerträglichkeit sich auf das Kindsein bezieht. Als Erwachsene wären wir in der Lage uns diesen Gefühlen neu zu stellen. Wir können unseren emotionalen Muskeln soweit trainieren, daß wir uns mit all unseren geliebten und ungeliebten Gefühlen selbst tragen können. Wir müssen uns nur immer wieder entscheiden, ob wir reifen wollen, die Bereitschaft zum´ Stark sein´ haben. Oder ob wir das Leiden und das ´Schwachsein` aus Gewohnheit vorziehen.
Aber wie stehe ich nun meinem Kind bei?
Vielleicht reicht es schon, daß er einfach traurig sein darf. Oder seine Traurigkeit, die er dann manchmal nicht mehr haben will, bei mir willkommen ist? Das ich selbst diese endlose Traurikeit in mir spüren kann, mich darin aber nicht verliere? Vielleicht hilft es ihm auch, wenn ich ihm erkläre, daß man Fühlen genauso lernen muß, wie das Laufen und das Sprechen. Es kommen manchmal Gehühle, die sind zu groß und wir müssen größer, weiter werden, dann paßen sie in uns hinein. Und ich erkläre ihm, die Welt besteht aus Glück und Schmerz und Trauer und Lachen. Es gehört schlicht und einfach dazu. Der Kampf dagegen läßt erst das Drama seinen Lauf nehmen. Und vielleicht hilf ihm auch gar nichts davon. Vielleicht gehört auch das ganz schlicht und einfach zu Leben dazu.
Und das muß ich dann auch ganz schlicht und einfach akzeptieren.

 

Schönheit – GANZ im Detail…

carmen_34Auf einem Berggipfel im Riesengebirge stehend, blendet mich das weiße Licht der Morgensonne. Ich setze meine Sonnenbrille für meine empfindlichen Augen auf, um den Ausblick zu genießen.

Ich schaue hinab ins Tal, wohl wissend, das Leben aus der Ferne in einer Perspektive zu sehen, die mir die Möglichkeit gibt, das GANZE mit einem großen Abstand wahr zu nehmen. Wie leicht mir diese Ansicht (ge)fällt. Und doch stehe ich als Detail mittendrin und bin Teil vom GANZEN. Ich betrachte meine nähere Umgebung und an meinen Füßen den weißen Schnee – eine Schneedecke, die weich und flauschig meine Stiefel und Schneeschuhe bedeckt.

schneekristalle4

Die kleinen Eiskristalle glitzern im Sonnenlicht und erinnern mich an Festlichkeiten – kleine Lichter, die in der Ferne funkeln und mich einladen, genauer hinzuschauen – ein kleines Sternenmeer am weißen „Himmel auf Erden“. Jedes einzelne Detail trägt mit seiner Reinheit und Einzigartigkeit so viel Schönheit in sich. Voller Freude genieße ich diesen Anblick.

Ich schaue wieder in die Ferne hinab zum Tal und mein Herz ist ein wenig mit Traurigkeit erfüllt. Eine Art Zerrissenheit bewegt mich. Ich fühle mich hier oben auf dem Berg sehr wohl. Hier ist es still, nur der raue Wind pfeift mir einen Kälteschauer ins Gesicht. Ich spüre einzelne kleine Nadelstiche auf meiner Haut und fühle das Leben in mir. Obwohl ich weiß, dass unten im Tal Menschen leben, die in ihrem täglichen Tun – welcher Art auch immer – ihren möglichen Beitrag zur Schönheit im Leben leisten, steht mit mir die Einsamkeit auf dem Berg. Ich kann sie spüren.

Die Frage, ob es mir gelingt, täglich Schönheit in die Welt zu bringen, beschäftigt mich, während ich hier im Schnee stehe und ins Tal blicke. Ich tue nach meinen Möglichkeiten mein Bestes. Mir ist bewusst, dass ich meinen Anteil trage, die diese Gesellschaftsform am Leben hält. Die Schönheit in mir und in Menschen, denen ich begegne, zu entfalten - ist es, was mich im Leben zieht. Ich übe mich in jedem Augenblick darin. Es fällt mir nicht immer leicht und bin dann sehr erfreut, wenn sich die Schönheit unverhofft zeigt.

wolken25Weiche graue Wolken schieben sich als Bild eines Wasserfalls zu einer dicken Watteschicht schützend über das Tal. Der gesamte Horizont ist auf der sonnenabgewandten Seite davon erfüllt.

Alles wirkt nun noch stiller. Das Tal und das Leben in der Ferne sind nicht mehr zu sehen. Dafür steht die Natur mit ihrer ganzen Schönheit und mit mir auf diesem Berg. Dirk nimmt meine Hand und doch stehen wir beide – jeder für sich allein – hier an diesem Ort, in diesem Leben. Die Sonne scheint uns ins Gesicht, am Horizont strahlt die klare blaue Atmosphäre – gepaart mit der weißen Wolkenschicht auf der Sonnenseite, der schneebedeckte Berg – liegend unter unseren Füßen, der raue Wind – peitschend auf unsere Gesichter und die kleinen Schneekristalle in der Luft – die unsere Haut rosig massieren. Jedes Detail verbindet sich mit uns. Wir sind Teil von Allem und doch steht jedes Detail für sich allein.

Mein kleiner Rückzug auf dem Berg macht mich ruhig, obwohl ich weiß, dass ich hier nicht für ewig bleibe und in die Menge der menschlichen unkalkulierbaren Details eintauche und mich jeden Tag wieder neu mit ihnen einlasse.

Ich gehe weiter und genieße jedes einzelne Detail, welches mir auf dem Wanderweg begegnet.

Carmen Arndt (Urlaubserinnerung, Januar 2009)

 

Urlaub?

Dirk

Ich war für eine Woche im Urlaub, wir haben eine Schneewanderung mit Schneeschuhen quer durchs Riesengebirge gemacht. Von Harrachov bis Mala Upa.
Nur Minimalgepäck haben wir mitgenommen: Benzinbrenner um Schnee zu schmelzen. Tee, Tütensuppen und Kakao um aus dem Schmelzwasser uns zu versorgen. So manchmal kommen mir so seltsame Anwandlungen – mich sehnt es dann wohl danach wieder das Ursprüngliche, das Wesentliche zu spüren. Auf Luxus zu verzichten um eine ganz neue Art von Luxus wieder zu entdecken.

dirk_schnee1Und das wurde mir auch zu Teil: Nachdem es die ersten zwei Tage sehr kalt und grau war, zeigte sich am dritten Tag der strahlend blaue Himmel und wir stapften voller Genuß durch den tiefen Pulverschnee. Welch eine Schönheit, was für ein Geschenk. Mitten in der Wildnis entdecken wir auf einmal Spuren im jungfräulichen Schnee: Ein Fuchs. Er kam von links aus dem Wald – kann nicht lange hergewesen sein – und trottete entlang des Pfades, den wir auch gehen. Weiter vorne sieht man seine Spuren wieder im Wald verschwinden. Schade – ich hätte ihn gerne gesehen. Und dann mitten auf dem Weg liegt etwas – der Fuchs muß es wohl fallen gelassen haben, vielleicht überrascht durch unser herannahen?

Ich schaue näher hin, glaube nicht, was ich sehe, blicke erneut hin und kann es immer noch nicht glauben. Da liegt im Schnee eine menschliche Hand. Es ist kein Zweifel möglich, wir betrachten sie von allen Seiten, heben sie vorsichtig auf: Finger, Fingernägel und sie wurde fein säuberlich abetrennt, eine unglaublich glatte Schnittfläche. Sie ist gefroren und offensichtlich im fortgeschrittenen Verwesungszustand.

Was tun? Wir kramen die Notfallnummern heraus, die wir vorsorglich vor Antritt der Reise notiert hatten. Zuerst die Bergwacht. Die ist nicht wirklich interessiert:
“You have a broken hand?” fragen sie in kaum verständlichem Englisch.
“No, we FOUND a hand” antworten wir.
“You FOUND a hand? – Call the police”
Aufgelegt.

baeumeDie Polizei hilft uns aber auch nicht weiter, sie verstehen uns nicht, weil wir kein Tschechisch sprechen und sie kein Deutsch oder Englisch. Wir wissen noch nichtmal ob der am anderen Ende von der Polizei ist oder wir uns verwählt haben. Wir sind ratlos. Da hören wir ein Motorengeräusch und in der Ferne sehen wir einen Motorschlitten heranbrausen, was für ein glücklicher Zufall. Wir machen uns durch winken aufmerksam, der Fahrer bemerkt uns und hält bei uns, er spricht gebrochen unsere Sprache. Wir zeigen ihm unseren Fund, er schaut ihn sich an und meint “das kein Mensch Hand. Ist von Tier…”
Ein Tier? Mit Fingern? Der Yeti?
Er will ganz offensichtlich mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, nimmt auf unser Drängen die Hand, wirft sie in den Stauraum unter der Sitzbank und braust davon. Ich vermute, daß er sich des Fundes wieder an der nächsten Abbiegung entledigt hat.

Wir bleiben zurück in der Natur und viel bewegt sich in mir.
Die Natur hingegen ist wieder still und unbefleckt – gerade so, als hätte das alles nie stattgefunden.

Alles Liebe,
Dirk Liesenfeld

 

Neujahr

Dirk

Das neue Jahr hat begonnen, der Alltag scheint wieder zurückgekehrt zu sein. Gestern hörte ich eine Frau sagen: “Naja, jetzt ist ja das ganze Tamm-Tamm endlich vorbei (sie meinte Weihnachten und Neujahr) und wir ham wieder den ganz normalen grauen Alltag.”
Einen ähnlichen Satz höre ich auch oft bei Seminarteilnehmern in der Abschlußrunde: “Mensch, wie schön es hier ist, ich fühle mich so warm innerlich. Am meisten beschäftigt mich jetzt, daß ich gleich wieder zurück in den Alltag muß.” Manche haben sogar richtig Angst davor. Wir sagen dann oft sowas wie: “So, wie Du Dich jetzt gerade fühlst, also die Wärme und Geborgenheit, diese innere Komplettheit und Ruhe – das ist wie Du eigentlich vom Leben gemeint bist.”
Dann schauen uns die Teilnehmer oft ungläubig an und in den Augen steht sowas geschrieben wie: “Das glaubst Du doch selbst nicht, Alter.”

Die wichtigste Frage, die sich hier stellt liegt ja eigentlich auf der Hand: Was unterscheidet den “Alltag” vom “Seminar-Abschlußrunden-Emotionalzustand” (tolles Wort). Wenn man hier genau nachfühlt wird es leicht deutlich:
Der eine Zustand ist Einheit: Körper, Seele und Verstand gehen Hand in Hand – sind beste Freunde und ergänzen sich vorzüglichst. Alltag bei den meisten Menschen ist dagegen eher geprägt von einem ständigen Ringen der “Dreifaltigkeit” in einem, oder nicht?

Ein Beispiel:
Quelle: WikipediaEs ist sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt. Müde schält sich Otto (Normalverbraucher) aus dem Bett.
Der Körper signalisiert verzweifelt: “Ich bin müde, ich bin müde, ich bin müde…”
Der Verstand sagt in kühler Logik: “Ich muß aufstehen, muß zur Arbeit, soooooonst… (drohernder Unterton)”
Das Emotionalsystem, quasi die Pufferzone zwischen Körper und Verstand, reagiert prompt mit Panik, Enge, unangenehmen Gefühlszuständen.
(Ich habe mal den Satz gelesen: “Gefühle sind die Reibungsschmerzen zwischen dem menschlichen Willen und dem Leben. Oder anders gesagt: Da, wo wir dem Leben, also dem, was IST unseren Willen aufzwängen wollen, da entstehen schmerzvolle Emotionen. Oder nochmal buddhistisch angehaucht: “Kein Ich, keine Probleme”.)

Aber zurück zu Otto:
Natürlich nimmt er – wie jeden morgen – die quälenden Gefühle in seinem Körper wahr, doch mit schlafwandlerischer Sicherheit reagiert er wie jeden Morgen mit einer Tasse Kaffee, die das alles überdeckt (kann auch eine Zigarette, Zucker, Arbeit… sein)
Nun, eigentlich geht es dann so auch den ganzen Tag weiter, bis hin zum abendlichen Fernsehprogramm mit den Chips oder dem Bier oder der Schokolade…

Es ist nichts an sich “falsch” daran, so zu leben – Milliarden Menschen auf dem ganzen Globus tun es. Doch ich glaube, daß in dieser Diskrepanz zwischen “Alltag” und “Seminar-Abschlußrunden-Emotionalzustand” der Schlüssel liegt zum … (Oh Gott, wie sage ich es jetzt nur um nicht pathetisch zu klingen) … inneren Frieden und damit zum Weltfrieden. (Mist, jetzt ist es raus und es klingt pathetisch)

Der größte Durchbruch in meinem Leben – quasi die erste “Erleuchtung” – entstand in mir an einem Seminar-Sonntag-Abend. Es war ganz viel Liebe im Raum, es war vor allem ganz viel Liebe in mir und da fragte ich mich: Was ist eigentlich Liebe? Und spürte eine ganz einfache Antwort: Liebe ist Ein(s)heit. Einfach nur die Abwesenheit von Kampf. Eigentlich das einfachste auf der Welt.
Es kam dann eine Art göttliche Fügung über mich, die ganz gewisse innere Absicht: Ich werde alles tun, was es braucht um das in mein Leben zu lassen. Ich weiß zwar nicht wie das geht, aber ich werde nicht ruhen, bis ich es herausgefunden habe. Der Weg danach ist unendlich steinig, voller Schmerzen und Ängste – doch es ist ein lohnenswerter Weg. Es ist der einzige Weg, der wirklich Sinn macht, denn die Belohnung ist ein dauerhafter Seminar-Abschlußrunden-Emotionalzustand ;-)

Alles Liebe,

Dirk.
www.Liesenfeld.de